Der große Verweigerer

Der große Verweigerer

Elke Heidenreich widmet sich in ihrer Eröffnungsrede beim diesjährigen Literaricum Lech ganz dem Protagonisten Bartleby, dem Schreiber, von Herman Melville.

LECH: Beim diesjährigen Literaricum Lech steht der Roman von Herman Melville „Bartleby, der Schreiber“ ganz zentral. Bartleby ist der erste Antiheld der modernen Literaturgeschichte – eine kafkaeske Gestalt, bevor Kafka selbst sie erfunden hatte. Mit dem tieftraurigen, sanftmütigen Bartleby schuf Herman Melville eine Figur, die weltberühmt wurde und trotzdem bis heute Rätsel aufgibt. Was Bartleby nicht möchte – nicht schreiben, nicht arbeiten und nicht einmal essen –, das wird sehr rasch deutlich. „Auf meine Anzeige hin stand eines Morgens ein regloser junger Mensch auf der Schwelle meiner Kanzlei, denn es war Sommer, und die Tür stand offen. Ich sehe die Gestalt noch vor mir – farblos ordentlich, mitleiderregend anständig, rettungslos verlassen! Es war Bartleby,“ beschreibt sein Arbeitgeber, ein gutmütiger und ehrgeizloser Notar, aus dessen Sicht die Geschichte von Bartleby erzählt wird. Unzählige Philosophen haben sich an Bartleby abgearbeitet und an seiner berühmten Widerstandsformel, die im englischen Original lautet: „I would prefer not to.“ Giorgio Agamben sieht in Bartleby ein Sinnbild dafür, wie man sich Autorität, Herrschaft und Recht passiv und doch effektiv widersetzt, Slavoj Žižek hingegen findet, Bartleby könne keiner Fliege etwas zuleide tun. Genau das mache seine Präsenz so unerträglich. In Bild und Schrift zeigt sich, dass Melvilles 1853 zum ersten Mal veröffentlichter Text in unserer kapitalismuserschöpften Gegenwart noch immer aktuell bleibt. Nachdem der nüchterne Notar im protokollartigen Stil das Schicksal seines Schreibers Bartleby erzählt hat, lässt er sich zu dem klagenden Ausruf hinreißen: „Ach, Bartleby! Ach, Menschsein!“ Bis heute dürften viele Leser voll Mitgefühl einstimmen.

Die Eröffnungsrede beim diesjährigen Literaricum wird von Elke Heidenreich, Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Moderatorin, Journalistin, Opern-Librettistin und Literaturvermittlerin, zur Aktualität der Figur des Bartleby gehalten.

Frau Heidenreich, Bartleby ist einer der interessantesten Charaktere der Literaturszene des 19. Jahrhunderts. Woraus resultiert die anhaltende Faszination für diesen Protagonisten?

Elke Heidenreich: Man muss sich schon trauen, zu allen Anmutungen zu sagen „ich möchte lieber nicht!“ Er traut sich, Bartleby verweigert sich komplett, aber letztlich verweigert er sich damit ganz und gar dem Leben selbst, und da wird die Sache dann schon wieder kritisch. Ab und zu Nein zu sagen ist vielleicht ganz gesund, aber immer – das führt ins Nichts.

Bartleby wurde durch seine Arbeitsverweigerung zu einem Schutzheiligen der Non-Konformisten. Sehen Sie ihn als tragischen Anti-Helden oder eher als unbeugsamen Amerikaner?

Elke Heidenreich: In einer Zeit, in der uns Impfverweigerer so zu schaffen machen, ist ein konsequenter Nein-Sager heikel. Ich sehe Bartleby aber gar nicht als Nonkonformisten, sondern als einen zutiefst einsamen, verstörten Menschen, der jeden Sinn in Tun und Leben verloren hat. Eher tragisch als unbeugsam also.

Würde man die Figur des Bartleby nach heutigen Kriterien der Psychiatrie beurteilen, wäre er wohl dem Autismus-Spektrum zuzuordnen. Können Sie beurteilen, aus welchen Gründen seine Verweigerungshaltung entstand?
Elke Heidenreich: Wir wissen, dass er, ehe er in diese Anwaltskanzlei kam, in einem Dead Letter Office arbeitete, also einer Sammelstelle für nicht zustellbare Briefe. Das muss etwas tief Verstörendes gehabt haben, es hat ihn wohl mit Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit infiziert. Er wird uns aber auch als bleich, stumm, mechanisch geschildert – eine psychische Störung liegt meiner Meinung nach eher vor als die Idee, er könnte ein störendes Rädchen im funktionierenden Getriebe sein wollen. Er kann nicht anders.

Der Roman ist zu Beginn der Industrialisierung situiert. Die Leblosigkeit am Arbeitsplatz von Bartleby entspricht auch den realen und gesellschaftlichen Mauern in dieser Zeit – was durch die unterschiedlichen Protagonisten auch jeweils verdeutlicht wird. Welcher Bezug kann zur aktuellen Situation im Arbeitsleben hergestellt werden?

Elke Heidenreich: Eine Verweigerungshaltung ab und zu kann vielleicht ganz gut tun, um dem Einerlei zu entkommen. Das heißt, man muss nicht alles mitmachen, was einem angedient wird. Das ist aber eine feine Balance, die es einzuhalten gilt zwischen den Pflichten, einem gewissen Funktionieren, und doch der Selbsterhaltung und des eigenen Willens. Nicht ganz leicht.

Inwieweit finden Sie für sich persönlich in dem Roman „Bartleby, der Schreiber“ persönliche Berührungspunkte?

Elke Heidenreich: Mich macht zunehmend wütend, dass wir immerzu glücklich sein sollen – Tee soll uns froh machen, Kosmetik, Klamotten, sogar unser Haarshampoo. Der ganze Konsum ist auf Selbstoptimierung ausgelegt. Da tut es gut, mal zu sagen: ich möchte lieber nicht, ich will jetzt einfach nur à la Loriot hier sitzen und mich gerade mal nicht optimieren! Verweigerung im Kleinen.

Literaricum 2022

Donnerstag, 14. 7. 2022, 18 Uhr:
Eröffnung mit Elke Heidenreich, Michael Köhlmeier und Nicola Steiner
Elke Heidenreich über ihre Faszination von „Bartleby, der Schreiber“; Musik-Begleitung: Marc-Aurel Floros (Piano)

Freitag, 15. 7. 2022, 10 Uhr:
Lesung aus „Bartleby, der Schreiber“
Der Schauspieler Thomas Sarbacher liest „Bartleby, der Schreiber“ in voller Länge.

Freitag, 15. 7. 2022, 15 Uhr:
Bartlebys Allgegenwart
Der deutsche Schriftsteller und Joseph-Breitbach-Preisträger Karl-Heinz Ott im Gespräch mit Nicola Steiner über die Rezeption von „Bartleby, der Schreiber“.

Samstag, 16. 7. 2022, 10 Uhr:
Die Blüte des nackten Körpers. Altägyptische Liebesgedichte
Lesung und Gespräch mit Raoul Schrott über die früheste moderne Liebeslyrik und die Hintergründe dieser außergewöhnlichen Literatur.

Samstag, 16. 7. 2022, 15 Uhr:
Werkstatt-Gespräch
zwischen dem Übersetzer Ulrich Blumenbach und Nicola Steiner über die Kunst des Übersetzens und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen „Der bleiche König“ von David Foster Wallace und „Bartleby, der Schreiber“.

Samstag, 16. 7. 2022, 17.30 Uhr:
Die Kraft des Absurden
Frank Witzel im Gespräch mit Katharina Teutsch über das Absurde, den Verzicht, das Zögern in seinem Werk und darüber, welche Rolle Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ dabei spielt.