Gefahrenpotenzial einschätzen

Gefahrenpotenzial einschätzen

Rainer Schlattinger, Geschäftsführer des Alpenvereins Vorarlberg, weist auf
Risiken beim Wandern hin.

BLUDENZ: In den letzten Wochen wurde immer wieder von Wanderern in den Bergen berichtet, die insbesondere an Heißwettertagen durch die Bergrettung geborgen werden mussten. Durch richtige Vorsichtsmaßnahmen könnten jedoch die meisten Unfälle vermieden und das Restrisiko minimiert werden. „Es gab früher mehr Unfälle beim Wandern und Klettern. Das wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Doch jeder Unfall oder gar Tote in den Bergen ist einer zu viel“, erklärt Rainer Schlattinger, Geschäftsführer des Alpenvereins Vorarlberg.

Selbstüberschätzung
Während früher Abstürze eher durch sogenannte Halbschuhtouristen, die nicht richtig ausgerüstet waren, erfolgten, spielen derzeit einige andere Faktoren eine entscheidende Rolle: „Die meisten Wanderer und Kletterer sind mittlerweile von Kopf bis Fuß perfekt ausgerüstet. Doch das ideale Equipment vermittelt vielfach nur eine Scheinsicherheit. Es ist vor allem entscheidend, die eigene Kondition und das eigene Können richtig einschätzen zu können. Ein Großteil der Unfälle passiert beim Abstieg. Die Wanderer sind beim Abstieg oft müde, die Beine sind schwer, dadurch sind sie dann unkonzentriert. Doch eine Wanderung endet erst, wenn man wieder zu Hause ist.“ So ist es beispielsweise auch wichtig, Wandertouren richtig zu planen und die entsprechenden Zeiträume ausreichend zu bemessen: „Manchmal kommen Touristen für ein Wander- oder Kletterwochenende nach Vorarlberg. Anstatt sich erst einmal zu akklimatisieren, sollen in kürzester Zeit möglichst viele Gipfel bestiegen und Hütten besucht werden. Auch unseren Hüttenwirten fällt auf, wie völlig erschöpft manche Wanderer am Abend sind. Übrigens gilt dieses Phänomen auch für Skifahrer und Skitouren-Geher.“

Gesundheitszustand beachten
Dem Mythos der Berge und einem Sehnsuchtsgefühl nach reiner Natur erliegen immer mehr Menschen, gerade in der heutigen, so schnelllebigen Zeit: „Aber auch durch die Beschränkungen im Zuge der Corona-Krise haben viele Leute das Wandern und die Liebe zur heimischen Berglandschaft wiederentdeckt. Das ist an sich sehr begrüßenswert, denn der Aufenthalt und die Bewegung im Freien ist die allerbeste Prophylaxe für zahlreiche Krankheiten. Allerdings sollte immer bedacht werden, dass man in den Bergen nur Gast ist. Ein Faktor ist eben, den eigenen Gesundheitszustand richtig einschätzen zu können, da die meisten Unfälle auf schon vorher bestehende Herz- und Kreislaufprobleme zurückzuführen sind. Außerdem sollte auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden. Insbesondere an Hitzetagen passiert es immer wieder, dass selbst Hochbetagte wegen Dehydrierung ausgeflogen werden müssen.“